6. Juni 2018

Fünf Tiroler Leben abseits von Berggipfel und Höhenrausch: Ein Kapellmeister, ein Almliterat, ein Organist, ein Chronist und eine Serien-Führerin

Für die meisten steht Tirol für Berge und für Menschen, die mit den Bergen zu tun haben. Doch es gibt auch Tiroler und Tirolerinnen, die nicht ausschließlich in der Natur unterwegs sind. Sie machen Musik, schreiben Gedichte, beschäftigen sich mit der Vergangenheit oder mit den Auswirkungen der modernen Medienwelt. Irgendwie spielen aber selbst bei diesen Menschen die Berge, die Natur dann doch immer eine wichtige Rolle. Fünf Tiroler Kulturschaffende, die einem ganz andere Seiten des Lebens in den Bergen zeigen.

Sepp Kahn, Almliterat auf der Lärchenbergalm

Milch Käse und Gedichte direkt am KAT-Walk

Mit moderner Technik hat es der Sepp nicht so. Und das ist auch gut so, denn in der über 200 Jahre alten Hütte in den Kitzbüheler Alpen, in der Sepp Kahn seit 28 Jahren seine Sommer verbringt, gibt es sowieso kaum Komfort. „Ich lebe hier oben einfach, aber nicht schlecht. So wie ich arbeite, das gibt’s eh kaum mehr. Oft werde ich gefragt: ‚Sepp, die alte Hütte, warum reißt du die nicht ab? Bau was Neues und bekomm auch noch einen Haufen Förderung.‘ Nein. Ich finde, das sollen andere machen. Ich bewahre das Alte.“ Selbst seine Mundartgedichte und Bücher schreibt er lieber mit der Hand als auf einer Schreibmaschine oder gar einem Computer. Das aber macht er so schön, dass sein Almtagebuch direkt als Faksimile gedruckt wurde. Kahn ist „Almliterat“, heißt es. Er selbst sieht sich aber wohl eher als Bauer und Senner. Schließlich muss er in der Früh das Vieh melken und dann aus der gewonnenen Milch Käse und Butter produzieren. Und dann kommen ja noch die Besucher vorbei. Aus dem Windautal steigen sie hinauf zur Unteren Lärchenbergalm und nach dem Glas Milch bei Kahn weiter zum Lodron. „Viele sind interessiert, die wollen schauen, was ich mache“, sagt Kahn. Und manchmal liest er dann auch etwas vor aus seinen Büchern.

Johannes Berger, Organist der weltgrößten Freiluftorgel in Kufstein

Ein Orgelspiel, das bis auf die Gipfel des Wilden Kaisers zu hören ist

Jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr sitzt Johannes Berger an der Orgel und spielt. Zehn Minuten lang. Fehler kann er sich nicht erlauben, denn es hört immer jemand zu. Bergers Arbeitsplatz ist im Festungsneuhof an der berühmten Freiluftorgel auf der Festung Kufstein, die Heldenorgel. Und wenn er dort in die Tasten greift, hört man das eben in der ganzen Stadt, bei gutem Wind sogar noch bis zu zehn Kilometer weiter. Wenn Berger mal nicht in Kufstein spielt oder die Orgel stimmt und repariert – denn das ist sein Job als Kustos auf der Festung – dann ist er für Solo-Konzerte unterwegs in der ganzen Welt. „Aber die Heldenorgel ist die verrückteste Orgel, die ich kenne“, sagt Berger. „Da der Spieltisch im Festungsneuhof etwa 100 Meter von den Pfeifen entfernt steht, beträgt die Tonverzögerung etwa eine Drittelsekunde. Und dann kann man natürlich auf einer Orgel, die man bei guten Windverhältnissen sogar noch auf den Gipfeln des Wilden Kaisers hört, nicht üben. Mittlerweile habe ich mich aber ganz gut an sie gewöhnt. Seit 2009 habe ich schon hunderte Konzerte auf ihr gespielt. Aber es ist schon immer wieder etwas ganz Besonderes.“ Die Heldenorgel wurde 1931 als tönendes Denkmal für die gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg errichtet und gilt heute als die größte Freiluftorgel der Welt. Sie hat 4.948 Pfeifen, 65 Register und 18 Röhrenglocken.

Johannes Gleissenberger, Kapellmeister in Alpbach

Auftritte bei Dorffesten oder beim Almabtrieb

Musik ist sein Leben. Und dabei setzt Hannes Gleissenberger nicht nur auf eine Stilrichtung. Mit der Bundesmusikkapelle Alpbach, deren Kapellmeister er ist, spielt er Märsche, Walzer und bekannte Volkslieder. Mit seiner eigenen Band „I’mpressed“ rockt er die Bühnen mit bekannten Rock- und Pop-Songs. „Ja, ich investiere viel Zeit in die Musik. Aber das macht mir nichts aus. Dafür lebe ich ja. Außerdem: Wenn du Musikant bist, ein Instrument spielst und irgendwo hinkommst, dann freuen sich die Leute, dass du da bist.“ Und so schlägt Gleissenberger bei 20 bis 30 Konzerten im Jahr in Alpbach und Umgebung die Trommel und schwingt den Tambourstab. Meist tritt die Kapelle auf Dorffesten auf, beim Almabtrieb, am Kirchtag oder zu kirchlichen Festen. Und davon gibt es eben so einige in Alpbach, dem schönsten Dorf Österreichs, wo die Traditionen noch hochgehalten werden. Wer hier Urlaub macht, hat also eine gute Chance, Gleissenberger in Aktion zu erleben und gleichzeitig das Tal bei zahlreichen Wanderungen kennenzulernen.

Margit Ferdigg, Guide und Besitzerin des Bergdoktorhauses in Söll am Wilden Kaiser

Wo Bergdoktor Martin Gruber sich zum Frühstück mit der Familie trifft

Wenn das Wetter schön ist und die Touristen wieder im Tal sind, treffen sich Margit Ferdigg, ihr Mann, ihre Kinder und ihre Schwester mit ihrer Familie gerne am Köpfing Hof. Vor dem Haus sitzen sie dann, unter einem alten Apfelbaum, unterhalten sich und genießen diese wunderschöne Aussicht, die man aus der TV-Serie „Der Bergdoktor“ kennt. Denn der Köpfing Hof ist im Fernsehen der Gruberhof und das Filmzuhause von Bergdoktor Martin Gruber. Und das seit Jahren. „Wir haben hier nie gewohnt, aber der Hof gehört eben zum Familienbesitz und irgendwie ist er trotzdem unser Zuhause“, sagt Margit Ferdigg. Heute ist Ferdigg sicher ganz froh, dass sie nicht hier oben lebt, denn seit die Serie so beliebt ist, wandern Fans jeden Tag aus Söll zu dem schönen alten Bauernhaus hinauf, mal alleine, mal im Rahmen einer geführten Wanderung, mit einer eigens organisierten Traktorfahrt oder zusammen mit den Schauspielern der Serie, die einmal im Jahr eine spezielle Bergdoktor-Wanderung anbieten. „Dass die Serie so erfolgreich wird, konnte keiner ahnen. Anfangs wollten wir keine Besucher. Aber dann sind die Einschaltquoten so in die Höhe gegangen und man konnte es nicht mehr stoppen. Mit dem Tourismusverband haben wir uns die Lösung mit Führungen und fixen Öffnungszeiten überlegt. Die Alternative wäre ein Drei-Meter-Zaun ums Haus gewesen. Und das wollten wir auch nicht.“ Und so führen die Familienmitglieder des Köpfing Hofs nun auch selbst durch ihr Bergdoktorhaus.

Kurt Tschiderer, Chronist von Pettneu am Arlberg

Wenn aus einer uralten Alm ein kleines Museumsjuwel wird

„Es war bemerkenswert, dass die Idee, die alte Taja wiederzubeleben, so großen Anklang gefunden hat“, sagt der Pettneuer Chronist Kurt Tschiderer. Bei der Nessler Taja handelt es sich um eine besonders alte Alm, die 2011 vor dem Verfall gerettet wurde. In mühevoller Kleinarbeit haben Tschiderer und seine Kollegen recherchiert, wie die Alm einmal aussah, wie sie erbaut wurde und was hier alles geschah. Nach der Sanierung wurde aus der alten Alm ein kleines Museum, das heute den Wanderern oberhalb von St. Anton am Arlberg das Leben auf der Alm in längst vergangenen Zeiten nahe bringt. „Hätten wir aus der alten Nessler Taja eine kitschige Heidi-Alm, eine Art Disney-Landschaft gemacht, wäre das nicht nachhaltig gewesen. Es wär vielleicht für den Moment nett gewesen, aber eben nicht bleibend.“ Zur Nessler Taja führt eine nicht allzu schwere Tour mit schönen Panoramablicken in die Lechtaler Alpen und das Stanzertal. Fast fünf Kilometern und gut 4oo Höhenmetern geht es hinauf aus Pettneu.

 

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Nina Genböck
nina.genboeck@genboeckpr.de
Tel.: 030 22487701

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